
Unser Leben ist oft hektisch, und viel muss in den Alltag passen. Sinnlichkeit stellen wir dabei gern hintenan. Wir vernachlässigen unsere Sinne, obwohl gerade sie unsere Zweisamkeit so viel reicher machen können. Und wir unterschätzen die Wirkung von Berührung, vielleicht auch, weil wir in unserem Leben und besonders in der Kindheit zu wenig davon bekommen haben.
Berührung als Tauschgeschäft
Mit der Berührung ist es oft wie mit der Liebe: Liebst du mich, dann liebe ich dich. Beides wird schnell zum Tauschgeschäft, und damit schwindet die Fähigkeit, wirklich zu berühren und zu lieben. Vielleicht kennst du auch den Gedanken: Wenn ich zu viel gebe, denkt mein Gegenüber womöglich, ich will etwas Ernstes oder bin abhängig.
Es lohnt sich zu lernen, Berührung zu schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Nur so kommt mehr Berührung in unser Leben. Und Berührung brauchen wir alle.
Berührung ist lebenswichtig
Menschen brauchen Berührung, um zu gedeihen, besonders als Säuglinge und in den ersten Lebensjahren. Nach meiner Erfahrung bekommen viele Menschen weit weniger achtsame Berührung, als sie bräuchten, und das wirkt sich durch das ganze Leben aus.
Viele leben dann wie mit einem Akku, der nie ganz voll ist. Das kann sich zeigen als geringes Selbstwertgefühl, wenig Selbstliebe, Eifersucht oder ein ständiges Suchen. Verpasste Berührung lässt sich aber nachholen.
Wenn sich der Akku füllt, wird man unabhängiger vom Gegenüber und beginnt, in sich selbst zu ruhen und sich selbst zu lieben.
Berührung hat sehr unterschiedliche Qualität
Einfach drauflos zu berühren reicht dafür nicht. Berührung, die wirklich nährt, hat eine besondere Qualität. Natürlich soll sie „handwerklich“ gut sein, aber das ist längst nicht alles.
Es kommt auf die Präsenz der gebenden Person an und darauf, was sie durch ihre Gedanken und ihre innere Haltung mitschickt. Bist du nicht bei der Sache, spürt das dein Gegenüber. Denkst du an etwas anderes, wirkt die Berührung unklar oder sogar irritierend.
Um den Akku aufzuladen, braucht es Berührung, die achtsam und mit voller Präsenz geschieht. So zu berühren kann man lernen.
Berührung empfangen
Nicht nur das Geben, auch das Empfangen ist vielen abhandengekommen. Wir können uns kaum fallen lassen und genießen, weil uns Äußerlichkeiten beschäftigen: Ist mein Busen richtig? Bin ich ordentlich rasiert? Ist der Bauch eingezogen? Mit solchen Gedanken sind sinnliche Wahrnehmung und Entspannung kaum möglich, von Ekstase ganz zu schweigen.
Es braucht also die Fähigkeit, sich ohne störende Gedanken ganz auf die Berührung einzulassen. Das ist gar nicht so einfach, aber man kann es lernen.
Mit der Aufmerksamkeit bei der Berührung sein
Nicht gedanklich abzuschweifen, erinnert manche an missglückte Meditationsversuche oder an den Schulunterricht. Keine Sorge: Die Aufmerksamkeit auf die Sinne zu richten, ist viel leichter. Wenn dein Bewusstsein im Körper ist und deine Sinne wach sind, ist der Kopf mit den Sinneseindrücken beschäftigt. Für anderes bleibt weniger Raum. Ein wenig Übung braucht es trotzdem.
Wie du das üben kannst, beschreibe ich im Artikel Conscious Touch Meditation. Was achtsame Berührung konkret ausmacht, erfährst du in Bewusste sinnliche Berührung: so geht’s.

Geschrieben von
Maria Kehr
Conscious Sexuality Coach in München. Ich arbeite mit Sexological Bodywork, Somatic Experiencing und Tantra und unterrichte in der Weiterbildung Sexualberatung am spt-Institut und an der TU München.
Berührung erleben
Achtsame Berührung lernen.
Im Workshop The Power of Touch! übst du achtsame Berührung angeleitet und in einer Gruppe, bekleidet und in deinem Tempo. Online geht der Einstieg mit Essentials!.
