Arbeit mit Traumafolgen, die sexuelle Lust einschränken und zu sexuellen Schwierigkeiten führen.

Deine sexuelle Biografie ist meist nicht ohne belastende oder schambesetzte Erfahrungen verlaufen. Daher ist es für jeden wichtig, sich auch dem negativen Potenzial seiner Sexualität zu widmen.

Es ist es entscheidend deine belastenden oder traumatischen Erfahrungen in Bezug auf deinen Körper und deine Sexualität aufzulösen. Nur so kannst du mit einem sicheren Körpergefühl in die Begegnung mit dir Selbst und einem Gegenüber gehen.

In der Sexualität geht es darum sich fallen zu lassen, sich anzuvertrauen und sich voll und ganz hinzugeben. Das ist nur mit einem befreiten Körper und Geist möglich. Sexualität kann dir nur dann Freude bereiten, wenn du dich mit dir vollkommen gut und sicher fühlst. Dabei müssen deine Emotionen und Körperempfindungen kongruent sein.

In den meisten Fällen, nicht nur bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen, beginnt die Begegnung mit ihrer individuellen Sexualität damit, dass sie konfrontiert werden mit ihren unverarbeiteten Erlebnissen – bewusst oder unbewusst. Denn diese Erlebnisse haben Einfluss auf deine Fähigkeit Sinnlichkeit und Sexualität zu genießen. Diese Erlebnisse sind wichtige Wegweiser für dich. Wo genau fehlt es an Sicherheit und Vertrauen, um dich ganz fallen zu lassen?

Das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen im Körper

Das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen im eigenen Körper, ist bereits für einen nicht-traumatisierten Menschen schwer zu erreichen. Ein mangelnder Selbstwert oder falsche Glaubensüberzeugungen sind oft ausreichend. Sie sorgen für Anspannung und Stress, so dass dein Körper chronisch verspannt ist und garantiert nicht loslässt. Liegt eine traumatische Erfahrung vor, dann ist ein Sicherheitsgefühl im Körper meist nicht mehr verfügbar.

Unser Körperbild steht gesellschaftlich zusätzlich unter hohem Druck. Der gewünschte Grad an körperlicher Perfektion in Bezug auf das Aussehen, ist nahezu für niemanden erreichbar.

An erster Stelle steht also die uneingeschränkte Selbstakzeptanz. Du musst verstehen wie Sicherheit und Vertrauen entsteht und wie du für Sicherheit und Vertrauen sorgen kannst. Denn hohe sexuelle Zustände sind ohne die vollständige Annahme deines Körpers und das Vertrauen in dich und andere nicht möglich.

Sexuelles Trauma ist allgegenwärtig

Viele Missbräuche passieren bereits in der Kindheit oder Jugend, aber natürlich auch im Erwachsenenalter. Sexuelles Trauma ist allgegenwärtig. Auch wenn manche Menschen einen Übergriff nicht selbst erleben, stehen Ihnen Freunde oder Familienmitglieder nahe, die sexuell missbraucht wurden. Es kommt zusätzlich vor, dass Menschen Missbrauch nicht selbst erlebt haben, jedoch ihre Eltern oder Großeltern. Der entstandene körperliche, emotionale und mentale Stress kann auch transgenerational an nachfolgende Familienmitglieder weitergegeben werden.

Trauma wird im Körper gespeichert

Sexuelles Trauma trifft einen Menschen im tiefsten Kern und nimmt das Gefühl im eigenen Körper sicher zu sein. Die Möglichkeit anderen Menschen zu vertrauen wird von Grund auf erschüttert.

Der menschliche Körper reagiert auf Gefahr mit den Reaktionen Kampf, Flucht oder Starre. Mit diesen Reaktionen versucht er dem Schmerz und der Bedrohung zu entkommen. Wenn die Intensität des Erlebens zu stark wird, checkst dein Körper aus, er dissoziiert, um überwältigende Gefühle und Wahrnehmungen nicht mehr empfinden zu müssen.

Diese Antwort auf zu intensive, negative Erfahrungen läuft unbewusst und automatisch ab. Wenn du außerhalb der Gefahr bist, kann dein System im Normalfall wieder selbstständig zu einem Sicherheitsgefühl zurückfinden. Sind die Erlebnisse aber zu viel, zu plötzlich oder zu intensiv gewesen und du wirst danach nicht ausreichend aufgefangen, dann bleibt dein Körper in der jeweiligen Abwehrreaktion hängen. Du bleibst zurück in einem Zustand der ständigen Anspannung oder Dissoziation. Und du wartest unbewusst immer auf den nächsten Angriff, obwohl die Gefahr bereits vorüber ist. Auch wenn du im Kopf schon längst über ein Erlebnis hinweg scheinst, kann der chronische Stress und die jeweilige automatische Reaktion noch für Jahre oder ein Leben lang im Körper gespeichert bleiben.

Folgen von sexuellem Trauma

Überlebende von sexuellem Trauma müssen mit den unterschiedlichsten sexuellen Folgen leben. Auf die körperlichen Reaktionsmuster, die durch frühere traumatische Erfahrungen entstanden sind, eine vertrauensvolle Sexualität aufzubauen, ist oft kaum mehr möglich. Ihnen fehlen die Grundvoraussetzungen für Vertrauen, Intimität und Hingabe.

Wenn du körperlichen Missbrauch erlebt hast, kann es sein, dass deine Körperempfindungen während dem Sex einfach abgedreht sind und du „nichts spürst“ oder dass du vielleicht gar nicht „anwesend“ bist. Es kann sein, dass du beginnst deinen Körper oder deine Sexualität zu verneinen oder sogar zu hassen. Es gelingt dir wahrscheinlich nicht mehr deine Partner:innen an dich heranzulassen und ihnen zu vertrauen. Womöglich schaffst du es am Anfang der Beziehung, aber im Laufe der Zeit ist der Einfluss der Verletzungen stärker. Es ist wahrscheinlich, dass für dich die Unterscheidung zwischen Sexualpartner:in und Täter:in verschwommen ist und in der Begegnung die alten Emotionen zurück kommen.

Oder es kommt zu Flashbacks. Das bedeutet, dass die Bilder, Emotionen und Wahrnehmungen zurückkehren, die während des Übergriffs da waren, ganz so als wären sie real.

Darüberhinaus fühlen sich Opfer schuldig. Wenn du als Opfer eines sexuellen Missbrauchs sexuelle Erregung während des Übergriffs empfindet, dann ist das Gefühlschaos im Anschluss besonders groß. Denn dein Körper reagiert auf bestimmte Stimulation mit Erregung, unabhängig davon, ob die Begegnung einen Übergriff für dich darstellt oder einvernehmlich geschieht. Im Allgemeinen ist dein Erleben stark eingetrübt und du kannst oft nicht greifen, warum das so ist.

Auflösung von sexuellem Trauma

Die Herausforderung mit der Sexualität ist, dass du Sexualität über den Körper erlebst. Wenn dein körperliches Erleben getrübt ist, dann kann sich Sinnlichkeit, Intimität und Lust nicht entfalten. Die sinnlich-sexuelle Verkörperung ist das große Thema bei sexuellem Trauma. Denn es ist nicht mehr möglich den eignen Körper zu bewohnen oder anwesend und verbunden zu bleiben mit den eigenen Empfindungen und denen des Gegenübers. Genau in der sinnlichen Begegnung wirst du wieder konfrontiert mit deinen Erinnerungen. In die sinnliche-sexuelle Verkörperung zurückzukehren, bedeutet diesen Themen wieder zu begegnen.

Viel zu viele Menschen haben Sex und checken dabei körperlich und geistig aus. Wie bereits oben erwähnt, benötigst du für wirklich guten Sex jedoch das Gefühl von Sicherheit und Entspannung im Körper. Und du musst in der Lage sein, im Körper präsent zu bleiben.

Sexuelles Trauma beeinträchtigt das Lustempfinden

Wie sich Missbrauch auf das Lustempfinden einer Person auswirken kann, ist sehr unterschiedlich. Es ist leicht nachvollziehbar, dass Missbrauch oder Trauma ein Gefühl des Misstrauens gegenüber Menschen oder Berührungen hervorruft und die Angst hinterlässt, erneut verletzt zu werden. Trauma und sexueller Missbrauch können aber auch ein Misstrauen gegenüber dem Lustempfinden an sich hinterlassen.

Überlebende von sexuellem Trauma reagieren sehr unterschiedlich auf Lust. Im Folgenden findest du typische Erfahrungen, die Überlebende machen können.

  • Sexuelles Vergnügen löst Schuld- und Schamgefühle aus.
  • Sexualität wird als schmutzig oder schlecht empfunden und hinterlässt das Gefühl als stimme etwas nicht mit einem selbst.
  • Es kann einfacher sein, sexuelle Lust mit jemandem zuzulassen, dem man emotional nicht nahe ist.
  • Sexuelle Lust kann die Gefühle und Empfindungen (Angst, Panik, Hilflosigkeit, Schmerz, Wut oder der Wunsch zu verschwinden), die während des Missbrauchs da waren, wieder auslösen.
  • Vergnügen kann das Gefühl von Gefahr hervorrufen oder die Notwendigkeit, übermäßig wachsam zu sein: „Wenn ich mir diese Gefühle erlaube, wird etwas Schlimmes passieren!
  • Sex zu mögen, kann die Reaktion hervorrufen, sich als Täter oder Egoist zu fühlen: „Wenn mir das so gefällt, muss ich wie sie sein.
  • Sexuelle Aktivität kann die Bedeutung haben, benutzt zu werden oder für den anderen etwas leisten zu müssen.
  • Lustempfinden jeglicher Art kann das Gefühl hervorrufen, es nicht zu verdienen, ganz so als ob man selbst kein Vergnügen haben dürfte, während es für andere in Ordnung ist.

Die Auswirkungen eines Traumas sind wie ein Netzwerk aus völlig verdrehten Verbindungen: Freude bedeutet Angst, Scham, Hilflosigkeit. Das Lustempfinden auf der körperlichen Ebene ist aber dennoch da, was die emotionale Situation noch komplizierter und verwirrender macht. Hast du solche Empfindungen auch bei Dir beobachtet? Dann stehst du damit nicht allein.

Lust- und Schutzreaktionen laufen gleichzeitig ab

Biologisch betrachtet reagiert dein Körper automatisch. Wenn die Berührung erwünscht und sicher ist, ist das perfekt. Im Falle von sexuellem Missbrauch kann die automatische Reaktion aber bis zum Orgasmus führen, auch wenn die Berührung nicht gewollt war.

Dein mentales/emotionales Erleben ist dann nicht im Einklang mit deiner physiologischen Reaktion. Deine Lust- als auch die Schutzreaktionen laufen damit gleichzeitig ab. Die dabei entstehenden Verknüpfungen im Gehirn bilden ein Netzwerk aus völlig verdrehten Verbindungen.

Unverarbeitete Wunden lösen, um erfolgreich lustvollen Sex zu haben

Die durch das posttraumatische Netzwerk resultierende Gefühle hören sich oft so an: „ich kann es nicht ertragen, in deiner Nähe zu sein, aber ich brauche dich; Ich hasse dich, aber ich will dich; geh weg von mir, aber ich brauche dich“. Diese wiedersprechenden Gefühle sind nicht nur sehr verwirrend für die Betroffenen, sondern auch für ihre Partner:innen. Selbstschutz und normale Reaktionen auf Lust sind ungesund verschalten und führen zu inneren und äußeren Konflikten.

Die durch den Missbrauch entstandenen Wunden finden bei jeder Gelegenheit einen Weg, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Und wenn du sie erfolgreich verdrängst, dann suchen sie sich ein anders Ventil und führen zu Schwierigkeiten im Job, in Bezug auf deine Gesundheit oder in deinen Beziehungen.

Störungen, die im Zusammenhang mit Lustempfinden und Lebenskraft/-willen in dir auftauchen, können Überbleibsel des Missbrauchs sein, die in deinem Körper, deinem Geist und deinen Gefühlen zurückgeblieben sind. Diese automatischen Reaktionen brauchen deine Aufmerksamkeit und Selbstheilung. Sie zu ignorieren oder zu versuchen, sie zu unterdrücken macht sie in der Regel stärker. Und mit diesen unverarbeiteten Wunden erfolgreich lustvollen Sex zu haben, ist nicht möglich.

Die Selbstheilung von sexuellem Trauma beginnen

Wenn du offene Wunden in dir wahrnimmst, dann kannst du etwas für dich tun, indem du dich ihnen zuwendest. Wende dich gerade nicht von ihnen ab, sondern sprich oder schreibe darüber. Es ist sehr wichtig, dass du dich mit ihnen physiologisch auseinandersetzt, denn diese automatischen Reaktionen sind im Körper gespeichert und über ihn besonders gut zugänglich. Ein körperorientierter Ansatz macht es möglich deine Reaktionen auf Lustempfinden wieder neu zu verdrahten.

Was bedeutet das für deinen Heilungsweg? Beziehe deinen Körper als einen zentralen Aspekt deiner Heilung mit ein, zum Beispiel durch körperorientierte Therapie, Somatic Experiencing oder qualifizierte Körperarbeit wie Sexological Bodywork.

Schritt für Schritt zurück zum sinnlich-sexuellen Genuss

Auf dem Heilungsweg ist es gut, klein anzufangen. Das bedeutet, zunächst deine Sinne wieder mehr für Genuss zu öffnen und dadurch das Netzwerk wieder neu zu verknüpfen, in dem es realisieren darf, dass nichts Schlimmes passiert. Erste Schritte könnten sein, den Wind, Wasser oder Sonne auf der Haut zu spüren. Oder du nimmst bewusst wahr, wie es ist etwas Wohlschmeckendes zu Essen. Es geht im weitesten Sinne darum, in kleinen Schritten Lust und Wohlbefinden am Körper wahrzunehmen und wieder zuzulassen.

Die meisten Menschen wollen diese kleinen Schritte auslassen, da es ihnen nicht schnell genug gehen kann. Aber erst, wenn es dir bei den kleinen Freuden gelingt, wenn du deine Grenzen konsequent einhältst und wenn du es für dich allein kannst, bist du in der Lage weiterzugehen. Ein nächster Schritt könnte Händchen halten, Streicheln oder eine Umarmung sein und erst viel später die sinnlich-sexuelle Begegnung zu zweit.

Auf dem Weg dorthin sind viele kleine Schritte zu gehen, denn deine Grenzen lassen sich nachhaltig nur in diesen kleinen sicheren Einheiten erweitern. Aber! Dieser Weg macht vom ersten Moment an Freude und führt zur erfolgreichen Neuverhandlung, der belastenden automatischen Reaktionen. Nimm dir also Zeit und lerne in kleinen Schritten, um das Große und gefühlt Unerreichbare zu erreichen.