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Lust und Orgasmus · 8 Minuten Lesezeit
Der unverstandene Orgasmus
Was ist ein Orgasmus? Wie vertiefst du deine orgastischen Zustände? Und was hat das mit Hingabe zu tun?

Vorweg: Es gibt keine „richtige“ Sexualität, keine richtige Praktik und auch nicht den richtigen Orgasmus. Wie wir Sexualität leben, ist immer auch eine Frage kultureller Prägung und gesellschaftlicher Normen. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen: Welche orgastischen Möglichkeiten hast du? Nutzt du sie schon? Und könnte sich ein Blick über den Tellerrand deiner gewohnten Körperwahrnehmung lohnen?
Wozu Sexualität und Orgasmus da sind
Nach meiner Erfahrung können Sexualität und Orgasmus der Fortpflanzung dienen, deine Lebenskraft stärken und dir spirituelles Wachstum ermöglichen.
Wenn du deinen Orgasmus nur als Reflex erlebst, also als Entladung, dient deine Sexualität vor allem der Fortpflanzung. Du folgst dem Drang deiner Hormone, danach fühlst du dich müde und entspannt.
In einer Sexualität, die auch deine Lebenskraft nährt, ist diese Entladung kein Muss. Lust kann sich zu höheren Zuständen aufbauen, die Körper und Geist guttun. Deine sexuelle Energie verteilt sich und erfüllt dich ganz.
Weil wir nur einen vergleichsweise kurzen Teil unseres Lebens Kinder zeugen, lohnt es sich, über die anderen Seiten von Sexualität und Orgasmus nachzudenken.
Ganzheitlicher Orgasmus oder Entladungsreflex
Beim Orgasmus lässt sich das Erleben im Kopf von den reinen Reflexen der Genitalien unterscheiden. Ein Orgasmus, der auch den Kopf erreicht, fühlt sich an wie ein Neustart: Er kann dich von Ballast befreien und trägt zu deinem körperlichen und seelischen Wohlbefinden bei.
Die Ejakulation beim Mann und die Kontraktionen im Becken bei der Frau sind nur ein kleiner Teil dessen, was orgastisch möglich ist. Die Genitalien erfüllen ihr Soll, doch der Orgasmus im Kopf ist noch weit entfernt. Mit den gewohnten Praktiken ist dein orgastisches Potenzial oft längst nicht ausgeschöpft. Gerade für Männer ist wichtig zu wissen: Eine Ejakulation ist nicht dasselbe wie ein Orgasmus. Sie ist zunächst ein Entladungsreflex.
Auch bei der gewohnten Selbstbefriedigung passiert oft nichts als Entladung. Danach bist du müder als vorher, und nicht selten wird Masturbation zum Einschlafen genutzt. Das kann sinnvoll sein. Wenn du aber deine Lebendigkeit, Lebensfreude und Liebesfähigkeit stärken möchtest, lohnt es sich, die Bedingungen für Ekstase und sexuelle Trance kennenzulernen.
Die Frage „Wie komme ich möglichst schnell zur Entladung?“ führt dazu, dass wir immer weniger fähig sind, sexuelle Energie im Körper zu halten, zu steigern und zu genießen. Jede innere Spannung wird sofort entladen, statt sie zu halten und sich in tiefere Zustände ausdehnen zu lassen.
Der Orgasmus im Kopf
Bei einem Orgasmus, der den Kopf erreicht, gehen im Moment des Höhepunkts oder noch einige Minuten danach sozusagen die Lichter aus. Du fühlst dich fast bewusstlos und spürst gleichzeitig eine große Kraft. Die Zeit steht still, Ruhe und Zufriedenheit kehren ein, der Atem setzt aus, du bist in Auflösung. Es können Zustände großer Verbundenheit entstehen, ein Schweben, ein Gefühl von Einheit mit dem Universum.
Das Denken setzt aus. Du bist ganz im Hier und Jetzt und verbunden mit etwas Größerem. Was das ist, wirst du wissen, wenn du es erlebt hast.
Orgasmusfähigkeit und Hingabe
Wie kommt man dorthin? Wie kann man sich in der Begegnung mit einem anderen Menschen so fallen lassen, dass auch das Gehirn loslässt und für kurze Zeit einen gedankenlosen Zustand zulässt?
Solche Zustände kennst du vielleicht auch außerhalb der Sexualität: beim ekstatischen Tanzen, bei intensivem Sport, in der Natur, in der Meditation, beim Singen von Mantras oder im Gebet. Es geht also darum, deine Wahrnehmung so zu erweitern, dass ein ganzheitlicher Orgasmus wahrscheinlicher wird.
Mechanische Programme stehen im Weg
Meist denken wir, wir bräuchten die richtigen Handgriffe, müssten an bestimmten Stellen auf bestimmte Weise reiben. Man hat uns erzählt, wir bräuchten die richtigen Fantasien, erotische Kleidung, Musik, oder es käme auf Größe und Schönheit der Genitalien an.
Diese eingeübten Programme führen aber vor allem zum Entladungsreflex. Die über Jahre eingeübte Erregungskurve ist gespeichert und wird in jeder Begegnung abgerufen. Für neue Erfahrungen bleibt kaum Raum. Die Sexualität wird gleichförmig, bevor sie je ihre volle Weite entfalten konnte.
Wir können den Orgasmus nicht machen. Wir können ihn nur einladen.
Ein ganzheitlicher Orgasmus lässt sich nicht herstellen. Er stellt sich ein, wenn wir nicht auf ein Ziel hinarbeiten. Mechanische Genitalbehandlung und Stellungswechsel im Sekundentakt stehen ihm eher im Weg. Hingabe gelingt, wenn du alle Muskeln loslässt, Oberschenkel, Po und Beckenboden und vor allem den Kopf. Nur dann können die unwillkürlichen Bewegungen geschehen, mit denen sich die orgastische Welle bis in den Kopf ausbreitet.
Die Pornokultur zeigt uns viel Aktion, und wir verbinden sie mit lustvollem Sex. Das ist irreführend, denn diese Akrobatik steht dem orgastischen Erleben eher entgegen.
Begrenzende Muster
Die Muskeln loszulassen und langsamer zu werden, ist nicht immer leicht. Viele halten ihre Erektion nur über Anspannung und Tempo, und viele versuchen, ihre Lust über Anspannung im Becken zu steigern. Das sind Muster, an die wir uns gewöhnt haben, ohne je etwas anderes kennengelernt zu haben.
Den Körper neu zu schulen braucht etwas Übung. Im Grunde braucht es nur den Mut, die Erregung, die du mit Anspannung festhältst, freizulassen. Vielleicht verlierst du vorübergehend etwas Erregung, aber oft kehrt sie mit einer ganz neuen Intensität zurück.
Orgasmus und Selbstwert
Wie steht es um deinen Selbstwert und darum, dich so anzunehmen, wie du bist? Wenn du auf dem Weg zum Orgasmus mit deinem Busen, deiner Penisgröße, deinem Geruch oder deinem Bauch beschäftigt bist, kann sich Hingabe kaum einstellen. Kannst du dich so weit annehmen, dass du dich selbstvergessen überlassen kannst?
Wenn du dich in deiner Haut wohlfühlst, kannst du dich fallen lassen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um in einen ganzheitlichen Orgasmus hineinzugleiten. Weil wir beim Sex meist nackt sind, wird unser Körperbild dabei besonders herausgefordert.
Orgasmus und Körperbild
Unser Körperbild entsteht vor allem in der Pubertät. Im ständigen Abgleich mit anderen speichern wir Erfahrungen mit dem eigenen Körper als positiv, zwiespältig oder negativ ab, über alle Sinne: Riechen, Schmecken, Tasten, Sehen, Hören.
Fühlst du dich normal und wertgeschätzt? Bist du einverstanden mit deinem Aussehen und deinem Empfinden? Über neue Sinneserfahrungen kannst du deinen Körper wieder mehr annehmen, zum Beispiel durch achtsame Berührung, sinnliche Selbstliebe, Slow Sex, Sexological Bodywork, Berührungsmeditationen, Meditation, Bewegung oder gute Ernährung.
Das Ziel Orgasmus verhindert Entspannung
Wir sind aufgeklärt, haben alle sexuellen Freiheiten und können so vieles ausprobieren. Und doch ist Sex oft auf ein schnelles, zielorientiertes „Rein, raus, fertig“ beschränkt. Dieser Stil hält uns von den verbindenden und kraftvollen Zuständen sexueller Trance fern. Mit „schneller, härter, mehr“ ist ein ganzheitlicher Orgasmus nicht zu erreichen.
Unsere Sexualität ist mit Zielen und Erwartungen überfrachtet, und uns fällt es schon im Alltag schwer, uns hinzugeben. Ohne Hingabe aber kein tieferer Orgasmus. Erweitere deshalb deine Wahrnehmung durch achtsame Körpererfahrung, und schaffe dir die Bedingungen für eine Sexualität, die dich nährt.

Geschrieben von
Maria Kehr
Conscious Sexuality Coach in München. Ich arbeite mit Sexological Bodywork, Somatic Experiencing und Tantra und unterrichte in der Weiterbildung Sexualberatung am spt-Institut und an der TU München.
Sexualcoaching
Lust neu entdecken.
Im Sexualcoaching begleite ich dich dabei, Erregung zu halten, dich hinzugeben und deinen eigenen Zugang zu tieferem Erleben zu finden. Allein oder als Paar.
