Wissen / Slow Sex und Tantra / Ein Erfahrungsbericht
Slow Sex und Tantra · 9 Minuten Lesezeit
Slow Sex: wie er mein Liebesleben verändert hat
Alle reden von Slow Sex. Aber was steckt dahinter? Ich habe es ausprobiert und erzähle hier, was es bei mir verändert hat.

Warum Slow Sex erst einmal wenig verlockend klingt
Slow Sex mag zunächst wenig aufregend klingen, vielleicht sogar abschreckend. Viele von uns verbinden guten Sex mit Leidenschaft und Wildheit. Dieses Bild hat sich im Laufe der Zeit in unser Sexualleben eingeschlichen, ganz unabhängig davon, was wir körperlich tatsächlich erleben. Die meisten Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, erzählen von körperlicher Unzufriedenheit, von Leistungsdruck und oft auch davon, dass ihre Lust verloren gegangen ist.
Wenn du frisch verliebt bist oder in den ersten Jahren einer Beziehung, ist die Lust aufeinander meist noch da. In dieser Phase geht es darum, die Liebe und Aufmerksamkeit des anderen zu gewinnen. Die Motivation ist hoch, und du merkst oft gar nicht, ob du den Sex, so wie er ist, wirklich willst und gut findest.
„Slow Sex“ klingt ruhig und unspektakulär. Vielleicht denkst du an Kuscheln und Missionarsstellung. Und doch lässt schon der Begriff ahnen, dass mehr dahintersteckt: ein bewusster Umgang mit Sexualität, tiefe Verbundenheit und echte Nähe.
In einer Zeit, in der „Fifty Shades of Grey“, Erotikpartys und Pornos den Ton angeben, wird Sexualität oft mit Härte, Tempo und Wildheit verbunden. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Freundinnen über Slow Sex. Sie meinten, sie würden lieber „richtig rangenommen“ werden. Als ich nachfragte, ob sie in ihren Beziehungen tatsächlich intensiven Sex erleben, verneinten sie. Auch ich mochte die Vorstellung von leidenschaftlichem Sex. In der Wirklichkeit fühlte es sich aber oft anders an.
Für meinen Körper war schneller, leidenschaftlicher Sex nicht wirklich überzeugend. Anfangs konnte ich nicht sagen, warum. Erst nach vielen Experimenten und genauem Beobachten meines Körpers habe ich es verstanden. Heute kann ich sagen: Slow Sex gehört zu den wichtigsten Schritten meiner sexuellen Entwicklung.
Slow Sex ist eine nachhaltige Form der Sexualität, die auch in einer langen Partnerschaft erfüllend bleibt. Sie schafft eine innere Ruhe im Liebesspiel. Die Empfindungen im Körper werden intensiver, und es entsteht eine tiefe emotionale Verbundenheit, ganz ohne Stress und ohne mechanisches Herangehen.
Wie funktioniert Slow Sex?
Den Begriff „Slow Sex“ für eine entschleunigte, tantrisch inspirierte Sexualität hat die Körpertherapeutin und Tantralehrerin Diana Richardson geprägt. In ihrem Buch „Slow Sex“ beschreibt sie, wie man Hektik und Druck in der sexuellen Begegnung loslassen kann.
Als ich begann, meine eigene Sexualität zu erkunden und zu verändern, stieß ich auf ihre Bücher. Ich hatte das Glück, einen Partner an meiner Seite zu haben, der bereit war, sich mit mir auf diesen Weg einzulassen, ohne Zeitdruck und mit viel Hingabe.
Die Grundidee: Der Orgasmus ist nicht mehr das Ziel und wird vorerst beiseitegelegt. Für Männer heißt das zum Beispiel, die Ejakulation nicht mehr anzustreben, für Frauen, vorerst auf zielgerichtete, klitorale Orgasmen zu verzichten. Das mag anfangs herausfordernd oder sehr spirituell klingen. Für mich stand aber immer meine eigene Körpererfahrung im Mittelpunkt, und ich kann sagen: Es funktioniert.
Druck, Erwartungen und Versagensangst dürfen beim Slow Sex nach und nach schwinden. Das geschieht durch die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, durch tiefe Atmung und durch Loslassen.
Der Atem ist ein Schlüssel. Wenn wir die Luft anhalten oder flach atmen, dämpfen wir unser Lustempfinden. Achtsamer Sex ist deshalb eng mit bewusstem Atmen verbunden.
Genauso wichtig ist die Verlangsamung. In langen Beziehungen schleicht sich oft ein Standardablauf ein. Wenn wir unsere Bewegungen verlangsamen, nehmen wir alles intensiver wahr. Das Gehirn bekommt Zeit, die Sinneseindrücke zu verarbeiten. Leidenschaft muss nicht immer festes Zupacken bedeuten. Probier es aus: langsam küssen, tiefer atmen statt schneller, sanft streicheln oder langsam anfassen, und beobachte, was sich verändert.
Entspannung spielt eine zentrale Rolle. Zuerst heißt das, alle Muskeln bewusst loszulassen. Wirkliche Entspannung geht aber über das Körperliche hinaus und entsteht durch Sicherheit und Vertrauen. Ich habe ein ganzes Jahr lang meinen Körper beim Sex beobachtet und jede Anspannung, die ich bemerkte, losgelassen. Es ist erstaunlich, wie viele Stellen wir bei Erregung unbewusst anspannen: Zunge, Kiefer, Augen, Hals, Zwerchfell, Bauch, bis zu den Zehen. Viele glauben auch, ein angespannter Beckenboden steigere die Lust. Mir hat ein entspannter, gesunder Beckenboden weit mehr geholfen. Entspannung fördert die Durchblutung und erweitert das Spektrum der Empfindungen.
Stellungen, die Entspannung erleichtern, sind beim Slow Sex sehr zu empfehlen. Die Sorge, langweilig zu sein, darfst du loslassen. Die Missionarsstellung zum Beispiel ermöglicht viel Körper- und Augenkontakt. Statt daran zu denken, was du in einem Porno gesehen hast, richte dich auf das aus, was du gerade spürst.
Wie ich Slow Sex umgesetzt habe
Eines Tages habe ich beschlossen, meine gewohnte Sexualität aufzugeben und mich auf etwas Neues einzulassen. Fast ein ganzes Jahr lang bin ich konsequent den Prinzipien des Slow Sex gefolgt. Dieser Schritt war entscheidend, denn mein Körper konnte sich von der Fixierung auf den Orgasmus erholen und eine neue Welt von Empfindungen entdecken.
Ich habe mich bewusst gegen jeden Leistungsdruck entschieden und für das reine Spüren. Ich wollte meinen Körper entspannt wahrnehmen, ihn annehmen und ohne Erwartungen genießen: loslassen, annehmen, was geschieht, und nichts erwarten. Aus dieser inneren Ruhe heraus entstand etwas Wunderbares.
Im Liebesspiel habe ich alle schauspielerischen Einlagen weggelassen, auf Anspannungen geachtet und meine Muskeln gelockert. Wenn mein Partner zu schnell wurde, habe ich ihn gebeten, langsamer zu werden, weil ich sonst nichts mehr spüren konnte. Zum Glück hatte er selbst Freude daran und hat mich begleitet, oft über Stunden.
Wenn wir uns alle mehr auf diese Erfahrung einlassen und Langsamkeit auch einfordern würden, könnten unsere sexuellen Begegnungen viel erfüllter werden.
Wie sich Slow Sex anfühlt
Die Veränderung in meiner Wahrnehmung war sofort spürbar. Weil Körper und Geist entspannt waren, konnte ich mich ganz auf meine Empfindungen konzentrieren und sie viel intensiver wahrnehmen. Wenn ich nichts spürte, habe ich keine Lust vorgespielt, um meinen Partner zufriedenzustellen. Ich ließ die Stille einfach still sein.
Besonders eindrücklich war der Moment, als in meinem Beckenboden eine Art Flamme zu brennen begann. Anfangs war das Gefühl so zart, dass ich es leicht hätte überhören können, wäre ich hektisch geworden. Es war leise, wie ein Opernbesuch nach einem lauten Rockkonzert, wenn man sich fragt, wo der Verstärker geblieben ist.
Slow Sex nutzt das Bewusstsein als sinnlichen Verstärker.
Der Verstärker der gewohnten Sexualität besteht aus Bewegung, schnellem Atem, Muskelanspannung, Bildern im Kopf und mechanischem Reiben. Auf Dauer stumpft er die Sinne eher ab. Slow Sex nutzt stattdessen die Aufmerksamkeit. Anfangs war das Gefühl schwach, aber indem ich ihm meine volle Aufmerksamkeit schenkte, wurde es immer stärker. Ich achtete darauf, die Energie nicht durch Anspannung zu unterdrücken, und schuf so Raum, damit sie sich ausbreiten konnte. Daraus entstand eine Ekstase, die meinen ganzen Körper erfüllte und sich wie ins Unendliche ausdehnte.
Heute habe ich Zugang zu diesen Zuständen, wenn ich meine Aufmerksamkeit in meinen Körper lenke. Das war nur möglich, weil ich den Weg der Langsamkeit gegangen bin. Die Verlangsamung hat meinem Gehirn erlaubt, Sinneseindrücke gründlich zu verarbeiten und Bereiche meines Körpers wahrzunehmen, die ich vorher kaum gespürt hatte.
Muss Sex immer langsam sein?
Nein. Nach acht oder neun Monaten war ich deutlich empfindsamer geworden und hatte die Entspannung verinnerlicht. Plötzlich konnte ich auch bei schnellem, leidenschaftlichem Sex entspannt und offen bleiben.
Warum es sich lohnt, heute anzufangen
Achtsame Sexualität ist eine Kunst, die Zeit und Übung braucht. Es lohnt sich, nicht zu lange zu warten, denn unsere Gewohnheiten prägen uns. Jede Begegnung, die nach dem alten Muster abläuft, vertieft dieses Muster ein wenig.
Unsere Sexualität beeinflusst nicht nur unser eigenes Wohlbefinden, sondern auch das unserer Partner:innen. Wenn wir uns für eine achtsame Haltung entscheiden, kann eine tiefe Verbindung entstehen, die weit über oberflächliche Erfahrungen hinausgeht. Und wir lernen unsere eigene Sexualität besser kennen. Es ist nie zu spät, damit zu beginnen.
Mein besonderer Dank gilt Diana Richardson. Alle ihre Bücher sind sehr lesenswert.

Geschrieben von
Maria Kehr
Conscious Sexuality Coach in München. Ich arbeite mit Sexological Bodywork, Somatic Experiencing und Tantra und unterrichte in der Weiterbildung Sexualberatung am spt-Institut und an der TU München.
Slow Sex als Paar
Gemeinsam langsamer werden.
Im Slow Sex Coaching begleite ich euch über mehrere Sitzungen, und ihr übt dazwischen zu Hause. Für einen intensiven Tag nur für euch beide gibt es den Exklusiven Paarworkshop.
